Gedanken der Regisseurin zu ihrer Inszenierung
Lady Magnesia von Mieczysław Weinberg, basierend auf George Bernard Shaws Farce Passion, Poison and Petrifaction, ist eine schwarze Komödie, die ernste Themen wie häusliche Gewalt und Konflikte zwischen Klassen und Geschlechtern aufgreift. Schwarze Komödien arbeiten oft mit schwerwiegenden Themen und nutzen Humor und Überzeichnung, um aufzuzeigen, wie tief diese Konflikte in gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt sind. Eine feministische Praxis besteht darin, wie die Sprachwissenschaft lehrt, stets zu hinterfragen, wer hinter einer Erzählung steht – eine Frage, die über die Kontrolle der Erzählung hinaus die gesellschaftliche Ordnung und die Deutungshoheit betrifft. Die Bibel ist hier ein offensichtliches Beispiel: Als kuratiertes Werk, geschaffen durch mehrere Autor:innen und Redakteur:innen, zeigt sie, wie stark die Gestaltung eines Textes auch die Machtverhältnisse und Normen einer Gesellschaft prägen kann.
In der Inszenierung von Lady Magnesia wird die Autorschaft von Humor und ihre gesellschaftliche Wirkung auf den Prüfstand gestellt. Die Arbeit untersucht, wer Humor „besitzt“, wer ihn definieren darf und wie Machtstrukturen durch humoristische Autorschaft aufrechterhalten oder herausgefordert werden können. Humor erscheint dabei nicht nur als Quelle der Unterhaltung, sondern als Instrument, das soziale Normen in Frage stellt und die Grenzen von Identität und Macht verschiebt. In dieser Auseinandersetzung wird Humor zu einer politischen und kulturellen Kraft, deren Autorschaft sich niemand exklusiv aneignen kann. In dem Moment, in dem die Auseinandersetzung mit Autorschaft beginnt, scheint es nur logisch, auch selbst einen Text zu „schreiben“.
Collage und Intermedialität
Die Reflexion der humoristischen Autorschaft findet in den folgenden Seiten eine weitergehende Anwendung, indem die Frage nach dem Ursprung und der Kontrolle über den Text bewusst problematisiert wird. Die Autorschaft wird als dynamischer, offener Prozess gestaltet, der sich der Kontrolle einer einzelnen, klar definierbaren Stimme entzieht. Die Autor:innen verwenden Techniken, die darauf abzielen, Autorschaft als kollektiven Akt zu begreifen, bei dem sowohl das Ensemble als auch das Publikum einen bedeutenden Einfluss auf die Sinnbildung des Textes haben. Durch den Einsatz von Zitaten, Fragmenten und kulturellen Referenzen wird der Text zu einem offenen Geflecht aus unterschiedlichen Stimmen und Perspektiven, das herkömmliche Vorstellungen eines „singulären Autors“ herausfordert.
Inspiriert von Jack Halberstams und José Esteban Muñoz’ Theorien, die feministische Praktiken der Collage als Akt des Widerstands und der Neuschöpfung beschreiben, greifen die Autor:innen auf die Methode der Collage und der Intermedialität zurück. Diese Methoden dienen nicht nur dazu, verschiedene Medien und Stilrichtungen zu vereinen, sondern auch dazu, das Konzept der „autonomen Autorschaft“ zu dekonstruieren. Die Collage ermöglicht es, disparate kulturelle und literarische Fragmente zu einem „autorenlosen“ Werk zusammenzuführen, in dem die Autorschaft fluide zwischen Text, Inszenierung und Interpretation wandert. Wie Halberstam in seinen Arbeiten über queere und feministische Ästhetiken beschreibt, eröffnet die Collage durch das Zusammensetzen scheinbar unzusammenhängender Elemente einen neuen Raum für Ausdrucksformen, die herkömmliche Hierarchien aufbrechen und neuen Stimmen Platz schaffen.
Einbindung des Publikums
Ein weiteres Mittel, das die Autor:innen einsetzen, ist die bewusste Einbindung des Publikums in den kreativen Prozess. Wie in der surrealistischen und feministischen Collage wird das Publikum zum Co-Autor des Textes, indem es die fragmentierten Elemente aktiv interpretiert und ergänzt. Die Leser:innen werden ermutigt, eigene Assoziationen und Bedeutungen zu konstruieren und den Text somit weiterzuschreiben. Diese Form der „kollaborativen Autorschaft“ ist ebenso für die Inszenierung gedacht, bei der die Zuschauer:innen aufgerufen sind, die dargestellten Szenen aktiv zu deuten und sich selbst kreativ einzubringen. So fordert die offene Struktur des Texts die Leser:innen heraus, sich mit den präsentierten Themen und Widersprüchen auseinanderzusetzen und diese neu zu denken – eine Form der „kollaborativen Autorschaft“, in der jede Leserin und jeder Leser und jede Zuschauerin und jeder Zuschauer die eigene Perspektive und Fantasie einbringt.
Durch diese Strategien der „vielstimmigen Autorschaft“ schaffen die Autor:innen einen Text, der sich jeder finalen Interpretation entzieht. Indem er auf lineare Strukturen und eindeutige Aussagen verzichtet, bewirkt der Text eine Verschiebung der Autorität vom Schöpfer auf die Rezipient:innen. Dieser Ansatz öffnet einen Raum, in dem Bedeutungen nicht festgelegt, sondern stets neu verhandelt werden, und verlangt von den Leser:innen, selbst Verantwortung für die Bedeutung des Werkes zu übernehmen. Die Autor:innen treten bewusst in den Hintergrund und lassen den Text zu einem lebendigen, offenen Prozess werden. In dieser Weise thematisiert der Text die Macht und die Grenzen der Autorschaft, indem er die Frage stellt: Wem gehört der Text, und wer bestimmt seine Bedeutung? Es ist eine Aufforderung zur kritischen Selbstreflexion und ein kreativer Akt der Loslösung von traditionellen Strukturen der Autorschaft, bei dem der künstlerische Ausdruck zu einem gemeinsamen, fluiden Erlebnis wird.